Dittchenbühne-Regisseurin Maria von Bismarck: „Ich suche nach Schätzen in den Menschen“

„Der Fluch des Bernsteinzimmers“ heißt das Stück von Raimar Neufeldt, das am 22. Oktober von der  Elmshorner „Dittchenbühne“ in St Petersburg aufgeführt wird. Für die Neuinszenierung der Krimikomödie konnte die renommierte Regisseurin Maria von Bismarck gewonnen werden. Manfred Kellner sprach mit ihr über Stück und Inszenierung.


Von Manfred Kellner

Frau von Bismarck, wann haben Sie zum ersten Mal überhaupt von dem Bernsteinzimmer gehört?

Das kann ich gar nicht sagen, das gehört wahrscheinlich zu dem diffusen Hintergrundwissen, das man hat, oder vornehmer gesagt: zur Allgemeinbildung. Im Nachherein fand ich allerdings eine Begegnung interessant, die ich vor gut einem Jahr hatte: Da erzählte mir eine Frau, sie wisse genau, wo das Bernsteinzimmer sei – und diese Überzeugung half ihr ganz offensichtlich, mit ihrer Situation besser umzugehen. Das ist ein Motiv, das jetzt in meine Regiearbeit an Raimar Neufeldts Stück „Der Fluch des  Bernsteinzimmer“ mit eingegangen ist – ein wenig zugespitzt.

Worum geht es denn in diesem Stück – außer um das verschollene Bernsteinzimmer?

Zunächst einmal haben wir in dem Stück drei Zeitebenen: die Zeit um 1716, in der das originale Bernsteinzimmer entstand und von Preußenkönig Friedrich Wilhelm I. an den Zaren Peter den Großen verschenkt wurde, die Zeit um das Ende des 2. Weltkriegs, in der das von den Nazis geraubte Bernsteinzimmer verschollen ist, und unsere Gegenwart, in der immer noch nach diesem Schatz gesucht wird. Letztendlich zeigt das Stück die Gier der Menschen nach Schätzen und ihre Bereitschaft, dafür auch über Leichen zu gehen.

Es geht also eigentlich darum, wie sich Menschen in bestimmten Lagen verhalten?

Ja, es geht um das Verhalten von Menschen. Das Bernsteinzimmer ist ein Symbol, ein Mythos wie der Heilige Gral, nach dem ja auch noch heute geforscht wird, oder das Goldene Vlies der Argonauten, das wir aus den griechischen Sagen kennen. Spannend für mich ist der Symbolcharakter dieser Schätze, mit dem die Menschen etwas machen und der etwas mit den Menschen macht. Und diese Thematik wird nicht in einem tiefsinnigen Drama behandelt, sondern in einem vielschichtigen und zugleich sehr komödiantischen Krimi.

Worin bestand die Hauptarbeit bei der Regie dieses Stückes?

Erstens ging es mir bei der Arbeit mit dem Stück selbst darum, den Aspekt des Bernsteinzimmers als Symbol stärker herauszuarbeiten. Natürlich steht das reale Bernsteinzimmer – wenn es das überhaupt gibt! – im Mittelpunkt, aber eben auch das Bernsteinzimmer als Mythos, als moderner Gral – als ein Ziel also, das niemand erreichen kann, und von dem so viele behaupten, dass sie es erreicht hätten. Darin eingebettet finden sich verblüffend aktuelle Bezüge – zu Umweltproblemen, zu Krieg, zu Terror …

Und zweitens?

Zweitens geht es bei einer Inszenierung immer auch darum, die Darsteller zu motivieren, zu führen, sie dahin zu bringen, etwas auch sich herauszuholen, von dem sie bisher gar nicht wussten, dass es in ihnen steckt. Das ist für mich die größte Herausforderungen bei Regiearbeiten, aber auch der größte Spaß. Und das ist auch bei der Arbeit mit dem Ensemble der Dittchenbühne so.

Könnten Sie sich vorstellen, selbst auf die Suche zu gehen und einen Schatz wie das Bernsteinzimmer zu heben?

Sozusagen mit Schatzkarte und Spaten? Nein, das ist nichts für mich! Aber im übertragenen Sinn bin ich durchaus eine Schatzsucherin: Ich suche nach den Schätzen in den Menschen – also nach den ungeahnten Leistungen von Schauspielern, den Qualitäten von Autoren und Kollegen, den überraschenden Höhen und Tiefen von Menschen, die man trifft, nach Ideen und Anregungen…

Dann ist Ihre Arbeit als Regisseurin ja auch so etwas wie eine ständige Schatzsuche …

Das kann man so sehen: die Inszenierung als Suche nach den zentralen Aussagen im Stück, nach Schlüsselszenen, nach besonderen Auftritten für die Darsteller, nach speziellen Regieeinfällen, nach den speziellen Talenten der Schauspieler …

Warum sollten Theaterfreunde auf keinen Fall den „Fluch des Bernsteinzimmers“ versäumen?

Das Stück sollte man sich unbedingt anschauen, weil es erstens ganz viel Spaß vermittelt, weil es zweitens einen Aktualitätsbezug hat, über den man sich wundern wird, weil es sich drittens um einen Krimi handelt, der bis zur letzten Szene voller Spannung steckt, und weil es viertens extrem komödiantisch ist. Also: am besten gleich die Theaterkarten sichern!

Dittchenbühne besucht St. Petersburg

pd.- Das Ensemble des Elmshorner „Forum Baltikum – Dittchenbühne“ unternimmt vom 17. bis 27. Oktober seine 26. Ostseetournee. Die diesjährige Fahrt führt die Elmshorner nach Polen, dem Kaliningrader Gebiet, nach Litauen, Russland und Finnland. Auf dem Spielplan die aktuelle Inszenierung der Bühne: „Der Fluch des Bernsteinzimmers“.

Als sich das Ensemble der Dittchenbühne 1991 zum ersten Mal auf die Ostseetournee gemacht hat, war das ein echtes Abenteuer. Manche Theaterrequisiten kamen den Grenzbeamten damals sehr verdächtig vor, und so manchen Stunde stand der Theaterbus vor geschlossenen Schlagbäumen – aber letztendlich ist dann doch alles immer noch gut gegangen.

Heute, 26 Jahre später, ist die Tournee zwar immer noch keine Routine, doch die Probleme und die Schwierigkeiten der ersten Jahre sind glücklicherweise Geschichte. Ungebrochen aber ist das Interesse des Publikums an den Aufführungen. Dittchenbühnen-Chef Raimar Neufeldt: „Ob ‚Biberpelz‘, die ‚Weber‘ der ‚Zerbrochene Krug‘ oder der ‚Hauptmann von Köpenick‘: Unsere Stücke kommen auch in Ost- und Nordeuropa immer sehr gut an!“

Das Bernsteinzimmer wurde von deutschen Kunsthandwerkern für den preussischen König Friedrich I. angefertigt und später dem Kaiser Peter I. zum Geschenk gemacht. 1942 stahlen es die Nazis und am Ende des Zweiten Weltkriegs verschwand es spurlos. Das „Achte Weltwunder“ wird bis heute gesucht.

22. Oktober 18.00. Haus der Jugend „Rekord“, Sadowaja ul. 75. Auf Deutsch, ohne Übersetzung.  Kontakt: Anastasia Marger, drb.kultur@gmail.com

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